Akropolis und der Kloß im Hals. Oder: Es kommt anders, als man denkt.
Es ist einem kuriosen Zufall zu verdanken, dass ich 1987 auf der Akropolis in Athen stand. Mir steckte dabei der sprichwörtliche Kloß im Hals, denn ich war mir sicher, diesen Ort nie wieder zu sehen. Schließlich lebte ich in der eingemauerten DDR und mit einer Wiederholung des Zufalls war nicht zu rechnen. Aber manchmal kommt es anders, als man denkt.
Eine Erklärung vorweg für Spätgeborene und all die armen Menschen, denen nicht die fragwürdige Gnade zuteil geworden ist, in der DDR gelebt zu haben. Der normale DDR-Bürger hatte bis zum Rentenalter nur geringe Chancen, die weite Welt kennenzulernen. Reisefreiheit im Wortsinne gab es nicht, die Bürger des nach eigenem Verständnis ersten Arbeiter- und Bauernstaates auf deutschem Boden durften (sofern sie nicht gleicher als andere waren) nur in ausgewählte Bruderländer reisen, wobei die Liste dieser Ziele je nach politischer Lage auch Veränderungen unterworfen war. Eine Reise ins sowjetische Großreich ging immer, ebenso wie nach Polen, in die Tschechoslowakei, nach Ungarn oder Bulgarien. Eine Reise nach Jugoslawien war eher knifflig, genau wie ins karibische Bruderland Kuba. Der goldene Westen hingegen war Rentnern und handverlesenen Reisekadern vorbehalten. Meine Aussichten, als Wissenschaftler ins KA – so wurde das kapitalistische Ausland abgekürzt – zu reisen, waren gleich null, denn ich hatte ich Westverwandschaft, die mir zwar keine Geschenke, dafür aber schwarze Flecken in der Kaderakte brachte. Ein Onkel war als Grenzsoldat stiften gegangen und lebte in den USA, ein anderer reiste der Liebe wegen legal aus. Außerdem gab es in meinem beruflichen Umfeld aktenkundig den Doppeldoktor „IM Oskar”, der meine durchaus despektierlichen Äußerungen brav rapportierte. Mal eben Akropolis gucken in Athen? Undenkbar.
Dass mir das eigentlich Undenkbare widerfahren ist, lag an Lok Leipzig. 1986/87 hatte die Mannschaft einen Lauf, gewann den FDGB-Pokal und nahm 1987 am europäischen Wettbewerb der Pokalsieger teil. Fußball war und ist keines der Dinge, die in den Top-Ten meiner Interessen steht, aber zumindest das legendäre Halbfinal-Rückspiel gegen Girondins Bordeaux am 22. April 1987 im Leipziger Zentralstadion habe ich mir angeschaut. Also im Fernsehen, denn soweit geht mein Lokalpatriotismus nicht, dass es mich ins Stadion der 100.000 zu 73.000 Fußballverrückten gezogen hätte. Um es kurz zu machen: In einem dramatischen Elf-Meter-Schießen holte sich Lok Leipzig am 22. April 1987 den Sieg und zog ins Finale des Europacups der Pokalsieger ein.
Damit war das Thema für mich eigentlich erledigt. Eigentlich. Ich arbeitete 1987 als Assistent an der Sektion Chemie der Leipziger Karl-Marx-Universität und hatte immer mal im Hauptgebäude am heutigen Augustus-Platz zu tun. Als ich dort wenige Tage nach dem Halbfinale auftauchte, herrschte ungewohnt hektische Betriebsamkeit. Auf meine Frage, was denn los sei, hieß es: „Lok spielt im Finale gegen Ajax Amsterdam. In Athen. Zwei Sonderzüge mit Fans fahren dorthin, die Uni schickt auch ein Kontingent.” Aus Jux sagte ich: „Falls Ihr noch jemanden braucht, ruft mich im Labor an, Ihr habt ja meine Nummer.”
Wenige Tage später kam der Anruf, den ich nie erwartet hätte. Ich sollte Passbilder und 15 DDR-Mark für den Reisepass abgeben und nach Athen fahren. Dazu mussten außerdem 1.000 Mark berappt werden. Das war fast mein Monatsgehalt, aber das war mir die Sache wert. Am schwierigsten war es, in der Kürze der Zeit Passfotos machen zu lassen. Das ging in Leipzig nur bei einem Laden namens „Polyfoto” und setzte geduldiges Schlangestehen voraus.
In der ersten Maiwoche wurde ich ins Gebäude der Kreisparteischule in der Leipziger Seeburgstraße einbestellt. Die Griechenlandreisenden wurden auf ihre Aufgabe als Botschafter der DDR vorbereitet. Es ging nicht um Fußball, sondern um die politische Lage in Griechenland, um das Parteiensystem und ähnlich langweilige Dinge. Griechenland! Ich erfuhr Reisedetails, die ich mir brav notierte. Losgehen sollte es am Morgen des 11. Mai 1987, die Rückkehr nach Leipzig war für den Nachmittag des 15. Mai geplant.
Nun brauchte ich noch Urlaub. Mein unmittelbarer Chef wusste zwar um das Ziel der Reise, doch es war ihm viel zu heiß, mir den Urlaub zu genehmigen. „Das entscheide ich nicht, bin doch nicht verrückt.” Also ging ich zu meinem großen Chef, einem cholerischen Professor der dunkelroten Art. „Eine Woche Urlaub? Was hast Du denn vor?”, fragte er. Wahrheitsgemäß sagte ich: „Nach Athen zum Endspiel.” Er stutzte kurz, lachte lauthals und unterschrieb meinen Urlaubsantrag.
Nun stand dem unerwarteten Abenteuer nichts mehr im Wege. Nicht einmal die allgegenwärtige Staatssicherheit, denn die war durch die Kürze der Zeit und die hohe Zahl der Reiseaspiranten schlichtweg überfordert. Zumindest findet sich in meiner Stasi-Akte kein entsprechender Eintrag. Nicht einmal IM Oskar aus meiner Forschungsgruppe kam aktenkundig zu Wort. Nur gut! Am Morgen des 11. Mai 1987 erhielt ich meinen Pass, fünf Dollar (!) Taschengeld sowie eine DDR-Fahne als Winkelement und fand mich zusammen mit 999 anderen braven DDR-Bürgern in einem der zwei Sonderzüge Richtung Athen wieder. Diese Züge waren kein Reichsbahnstandard: Sie verkehrten normalerweise im „Interzonenverkehr”, d.h. sie fuhren gegen harte Währung auf Strecken außerhalb der DDR in den und im Westen. Nun waren sie mit einer aufgeregten Meute von Fußballfans gefüllt – und mit mir als eher-nicht-Fan.
Die Fahrt führte zunächst durch bekannte Gefilde: Von Leipzig aus ging es über Dresden durchs Elbtal in die Tschechoslowakei. Etwa um die Zeit, als mein Pass in Bad Schandau von einem Grenzer argwöhnisch beäugt wurde, ertönte in der Leipziger Talstraße ein markerschütterndes Gebrüll. Die Forschungsgruppe, der ich angehörte, kam zu ihrer wöchentlichen Runde zusammen. Mein Chef, der mitunter etwas cholerische Professor Ehrenfried B., vermisste mich und fragte nach meinem Verbleib. Auf die wahrheitsgemäße Antwort, dass ich auf dem Weg nach Athen sei und er den Urlaub doch selbst genehmigt habe, explodierte mein Chef förmlich und tobte, woher er denn hätte wissen sollen, dass ich die Sache mit Griechenland ernst meinte. Wahrscheinlich klangen mir in diesem Augenblich die Ohren, doch das Rattern der Schienenstöße übertönte derart realsozialistische Klänge.
Über Prag rollte der Zug weiter durch Ungarn und Jugoslawien (ja, so hieß der Mischmaschstaat damals) nach Griechenland. Die Fahrt im umgeleiteten Interzonenzug war ein Erlebnis. Liegewagen, Mahlzeiten weit über Mitropa-Niveau, dazu jede Menge Wernesgrüner und Radeberger Pils für kleines Geld. Lesern ohne DDR-Hintergrund sei verraten, dass diese beiden Biersorten normalerweise nur als Bückware zu bekommen waren. Die Zugreise hatte etwas von großem Kino. Morgennebel in der ungarischen Puszta, dazu wildromantische Ausblicke in den Bergen Jugoslawiens. Irgendwann vereinte sich „unsere” Strecke mit den Gleisen aus Westeuropa. Fortan wurde der Bahndamm bunter, denn entlang der Trasse sammelten sich weggeworfene Snackverpackungen westlicher Herkunft.
In der Nacht zum Endspielmittwoch überquerte der Zug die Grenze nach Griechenland. Beim Frühstück im Speisewagen fiel mir fast der Bissen aus dem Mund. Links das Meer, rechts in der Ferne der Olymp. Mein spontaner Spruch „Frühstück zwischen Ägäis und Olymp – das wird einem nicht alle Tage geboten” fand sich später in einem Bericht im „Sächsischen Tageblatt” wieder. Thomas Mayer, so der Name des Schreiberlings, saß ein paar Tische weiter und verewigte meinen Satz in seinem Notizbuch.
In Athen angekommen, ging es per Bus auf Stadtrundfahrt. Ich kam aus dem Staunen nicht heraus und mit dem Fotografieren kaum nach. Straßenzüge, Griechinnen, Ruinen und noch mehr Griechinnen. Alles bei harter Mittagssonne auf Diafilm Orwo UT 18. Dann hielt der Bus und entließ die aufgekratzte Gesellschaft an der Akropolis. Auf den Stufen am Eingang zur Akropolis stoppte die Reiseführerin, erzählte etwas von Geschichte und vergangenen Jahrtausenden. Angesichts des imposanten Bauwerks und im Wissen darum, dass ich es aller Wahrscheinlichkeit nie wiedersehen würde, spürte ich einen Kloß im Hals und hatte Mühe, keine Tränen der Rührung zu vergießen. Wie hätte ich ahnen können, dass Griechenland für mich zwei Jahrzehnte später fast zu einer zweiten Heimat werden sollte?
Von der Akropolis aus ging es per Bus in eine der zahlreichen, auf maximalen Durchsatz getrimmten Touristenabfütterkneipen im Athener Zentrum. Das sind exakt die Lokalitäten, die ich heute bei meinen Aufenthalten in Griechenland unbedingt meide, denn sie haben mit griechischem Flair und landestypischer Gastfreundschaft in etwa so viel zu tun wie die CDU anno 2026 mit christlichen bzw. konservativen Werten.
Da bis zur Weiterfahrt des Busses zum Stadion noch ein wenig Zeit war, schaute ich mich in der Umgebung um und erspähte eine Videothek. Da es sowas in meiner realsozialistischen Heimat nicht gab, schaute ich ein wenig genauer auf die Auslage und wurde prompt ins Geschäft gebeten. Nach meinem (in Ermangelung geeigneter Zahlungsmittel eher nicht vorhandenen) Begehr befragt, äußerte ich in holprigstem Englisch die Absicht, Disketten im Format 5,25 Zoll zu kaufen. Kleiner Einschub für Spät- und nicht in der DDR geborene: Das waren in grauer Vorzeit Datenträger mit aus heutiger Sicht lächerlich anmutendem Speicherplatz von einigen hundert kB, die in der DDR fast mit Gold aufgewogen wurden. In der Videothek gabe es natürlich keine Disketten, aber der Verkäufer witterte ein Geschäft und bat mich, in zwei Stunden wiederzukommen, denn dann hätte er welche beschafft. Ich nickte freundlich und machte mich von dannen. Minuten später saß ich im Bus und der Händler am Abend fluchend auf einem Berg Disketten. Möge ihm daraus kein existenzbedrohender Schaden erwachsen sein und er dem komischen Deutschen diese Untat nicht bis heute nachtragen.
Und sonst so? Mit dem Bus ging es ins Stadion, wo ich mit 999 anderen Schlachtenbummlern die „Loksche” anfeuerte. Trotz geschwenkter Fahnen, Getröte und Gebrüll währte der Pokaltraum nur bis zu 20. Spielminute, als Ajax-Kapitän Marco van Basten das 1:0 erzielte. Für mich war das ein eher nebensächliches Ereignis, für die meisten echten Fans hingegen eine Tragödie. Die Stimmung bei der Rückfahrt im Bus war folglich etwas gedrückt. Das änderte sich aber nach dem Erreichen des bereitstehenden Zuges, denn dort wurde der Ärger in Radeberger und Wernesgrüner Pils ertränkt.
Über die Rückfahrt gibt es nicht viel zu erzählen. Der Zug ratterte nordwärts, Griechenland blieb zurück, irgendwo in Jugoslawien war dann auch der Bahndamm nicht mehr bunt. Nachdem der Abzweig gen Westeuropa passiert war, hatte der bunte und leuchtende Kapitalismus die Trasse verlassen. Eine lustige Episode soll nicht in Vergessenheit geraten: In Athen hatte ich bei einigen der dort gedeihenden Pflanzen Triebe abgezwackt, um sie daheim zu kultivieren. Diese Triebe hatte ich in zwei mit Wasser gefüllte Bierbecher gestellt, auf dass sie Wurzeln bilden mögen. Die im Kofferfach über der Abteiltür stehenden Becher wackelten während der Fahrt hin und her, hielten sich aber wacker. Zumindest taten sie das bis zur Kontrolle an der Grenze zu Jugoslawien. Ein grimmig dreinschauender Uniformträger hatte unsere Pässe gestempelt, sich umgedreht und schickte sich an, das Abteil zu verlassen, als ein heftiger Schlenker des Zuges beide Becher umkippte. Pflänzchen und Wasser folgten der Schwerkraft und ergossen sich auf den Grenzer. Dass ein kräftiger Mann sich unter beengten Verhältnissen so schnell herumdrehen und einen Revolver ziehen kann, verblüfft mich bis heute. Immerhin nahm er’s mit Humor. Für meine botanischen Experimente bedeutete dieses Erlebnis allerdings das Aus.
Die Stimmung im Zug schwankte zwischen bierselig und betrübt, wobei letzteres sicher mehr der Niederlage als der nahenden Heimkehr ins graue DDR-Paradies geschuldet war. Apropos Heimkehr: Obwohl wir uns in Athen frei bewegen konnten, hatten nur zwei der Mitreisenden die Gelegenheit genutzt, stiften zu gehen und dem Sozialismus den Rücken zu kehren. Ob das daran liegt, dass Fußballfans nicht nur ihrem Verein, sondern auch ihrer Heimat samt sozialem Umfeld mehr die Treue halten als normale Menschen? Es wäre eine Untersuchung wert.
Am Nachmittag des 15. Mai 1987 fuhr der Fußballsonderzug wieder in Leipzig ein und die Schlachtenbummler quollen auf den Bahnsteig. Sie hatten eine Menge erlebt und noch mehr zu erzählen. Ich sprudelte einige meiner Erlebnisse gleich am Wochenende heraus. Am Montag ging es wieder in Uni, mein cholerischer Großchef hatte sich zwischenzeitlich beruhigt und teilte mir mit, meinem Diavortrag gespannt entgegenzusehen. Bis dahin dauerte es allerdings einige Wochen, denn so schnell arbeiteten die Fotolabore in der DDR nunmal nicht.
Ehe ich es vergesse: Meine zufällige Reise nach Athen zeitigte einige überraschende Nachwirkungen. Mehrere Freunde und Bekannte sagten mir, dass meine Rückkehr ins Reich des real existierenden Sozialismus sie überrascht hätte. Selbst meine Freundin (und heutige Frau) ließ mich irgendwann wissen, dass sie auf meine Wiederkehr nicht gewettet hätte. Außerdem gab es noch eine finanzielle Überraschung, die ich aus heutiger Sicht als bizarr bezeichnen würde: Mein Großchef Ehrenfried B., der ob meiner Reise zunächst getobt hatte, drückte mir ein paar Tage nach meinem Lichtbildauftritt gegen Quittung 1.000 DDR-Mark in die Hand. Diese Prämie sei für meine politisch einwandfreie Haltung als Vertreter der Deutschen Demokratischen Republik im kapitalistischen Ausland, ließ er mich wissen. Sachen gab’s … -ad