3 Dezember 2020

Dumm gelaufen

Läufer laufen und manchmal verlaufen sie sich auch. Dumm nur, wenn ein Läufer sich nicht verläuft, sondern ein Minenfeld ihn zum Umlaufen zwingt. Gibt’s nicht? Doch!

Lang ist es her. Dezember 2005. Zur Erinnerung für jüngere Leser: Damals hieß der deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder (genau, der jetzt Gasmann bei Putin ist). Immerhin gab’s den Euro (leider) schon. Ich machte in Ägypten Urlaub mit Familie und Freunden, den Jahreswechsel verbrachten wir in einem Hotel am Golf von Suez, das in einem früheren Leben eine Kaserne war. Schwamm drüber.

Natürlich habe ich die Dezemberwärme zum Laufen genutzt. Die endlosen Teerstraßen hatte ich nach einigen Läufen satt und suchte meinen Weg lieber in der Wüste. Eine Wasserflasche hatte ich dabei – was sollte da schon schiefgehen? Maximal drei Stunden wollte ich unterwegs und beim letzten Rest Tageslicht zurück sein. Also los. In weitem Bogen trabte ich westwärts einem Wadi folgend hinein in die Wüste; Küste, Müllberge und Funknetz ließ ich hinter mir. Nach eineinhalb Stunden drehte ich südwärts, gelangte in ein anderes Tal und rannte in östlicher Richtung wieder auf die Küste zu.

Verottete Konservendosen und ein ausgebrannter Lastwagen waren die ersten Vorzeichen des nahen Ziels. Die Sonne berührte hinter mir fast schon den Horizont, als mein Weg plötzlich endete. Ich war in einer alten Militärstellung angekommen. Waffenschrott ohne Ende, ausgebaute Stellungen und dann … Stacheldrahtverhaue vor mir. Drahthindernisse, Stolperdrähte, Skelette von allerlei Getier und immer wieder … von Explosionen gerissene Löcher im Boden. Ich war am Rand eines Minenfeldes* angekommen. Mir ging durch den Kopf, dass es sicher von Vorteil gewesen wäre, die hiesige „Häkelschrift” lesen und verstehen zu können.

Und nun? Weil es sich ohne Füße schlecht läuft, blieb mir nur der ungeplante Rückzug. Ich rannte in meinen Spuren zurück. Nach einigen hundert Metern verschwand die Sonne von der Bühne des Geschehens. Ich nun schneller, um vor Einbruch der Dunkelheit zumindest wieder „mein Wadi” vom Anfang der Tour zu erreichen. Als ich endlich auf Ostkurs laufen konnte, war die kurze Dämmerung vorbei und ich rannte im spärlichen Mondlicht dem Ausgangspunkt meiner Abenteuertour entgegen.

Eine reichliche Stunde später war es vollbracht. Die ersten Lichter tauchten in der Ferne auf, hier und da ein Schutthaufen – die Zivilisation hatte mich wieder und auch mein Handy fand wieder ein Netz. Statt der geplanten drei Stunden war ich fünf Stunden unterwegs gewesen und meine Frau erleichtert, aber „not amused”. Immerhin waren die Füße heil geblieben und das Abendessen hatte ich auch nicht verpasst.

Ach ja, und eine Moral hat die Geschichte auch: Zumindest beim Laufen in unbekanntem Gelände sollte man eine minimale Notausrüstung im Gepäck haben, zu der neben einer Rettungsdecke eine Stirnlampe gehört.

* Später habe ich herausbekommen, dass es sich hier tatsächlich um eine „scharfe” Stellung handelte, die im Zusammenhang mit dem Sechstagekrieg ausgebaut worden war. Derartige Hinterlassenschaften finden sich in Küstennähe auf einer Strecke von mehreren hundert Kilometern. Man sollte sie meiden.