5 Mai 2026

In eigener Sache: Kopfnuss mit Folgen

Es begann so schleichend, dass ich es nicht bemerkte. Bis dann die Sache mit der Großschreibung einsetzte. Und die mit dem Linksdrall beim Fahren. Und ein paar andere Ausfallerscheinungen. Dennoch: Pflichterfüllung geht vor und so wäre ich in diesem Zustand am nächsten Tag über die Autobahn zu einem Kunden gefahren, hätte meine Frau mich nicht trotz meines Widerstandes aus dem Verkehr gezogen, in die Notaufnahme nach Wurzen gebracht und auf diese Weise mir (und mutmaßlich auch anderen Menschen) das Leben gerettet. Spoiler: Alles ist wieder gut und ich habe einige Dinge gelernt.

Eines vorweg: Ich gehöre zu den Kerlen, die Probleme lösen. Allein. Um Hilfe bitten? Schwächen eingestehen? Eher nicht. Mit einem Wehwehchen zum Arzt gehen? Schon gar nicht. Was kommt, geht auch wieder weg. Als ich vor Jahren mit der Kettensäge meinen linken Unterschenkel „anstupste”, behandelt ich die Treffer mit einem Wasserstrahl, einer Flasche Hochprozentigem (ein Teil davon zur innerlichen Anwendung) und einem Druckverband. Alles wieder heil, nur ein klitzekleines Stück vom Schienbein fehlt. Aber daran hätte auch der Doc nichts ändern können. Also alles richtig gemacht und das Gesundheitswesen entlastet. Mit dieser Vorgehensweise kam ich gut über die Runden. Bis ich damit Schiffbruch erlitt.

Dass ich im Januar 2026 ab und an leichte Kopfschmerzen verspürte – na und? Die vergingen auch wieder. Vielleicht lag’s ja am Wein, am Tsipuro oder einem nahenden Infekt, der noch nicht wusste, ob er ausbrechen wollte oder nicht. Dann war da die Sache mit der Großschreibung. Zum Verständnis: Vor über 50 Jahren habe ich zum ersten Mal eine Schreibmaschine benutzt und muss mich heute an der Tastatur vor (fast) keiner Sekretärin verstecken. Wenn mal die Buchstaben durcheinander geraten oder es anderweitig beim Schreiben hakelt, liegt es entweder an meinen krausen Gedanken oder an der Tastatur, die reif für die ewigen Jagdgründe ist. Bisher. Dann klemmte plötzlich die Shift-Lock-Taste UND ICH SCHRIEB UNGEWOLLT Großbuchstaben. Dumm nur, dass nicht die Tastaturen schuld waren, sondern mein linker kleiner Finger, der irgendwie klemmte.

Dann kam das Gezeter meiner Frau hinzu, die Ende Januar über meinen Fahrstil meckerte. „Warum fährst Du auf der linken Seite?”, nervte sie immer wieder. Brav zog ich nach rechts und noch während ich mich verteidigte und betonte, dass doch alles in Ordnung sei, nahm ich wieder Kurs auf den Gegenverkehr. Aber welcher Mann lässt sich schon beim Fahren kritisieren? Beim Fahren!

Dass mir im häuslichen Bereich am vorletzten Januarwochenende die eine oder andere Sache schiefging, entging meiner Frau natürlich nicht. Ja, beim Einschenken des Kaffees ist mir irgendwie die Kanne verrutscht. Ja, und ich stand auch mal neben mir und musste erst „booten”, um wieder zu wissen, was ich eigentlich tun wollte. Aber das passiert doch jedem mal, oder etwa nicht? Auf jeden Fall ist es nichts, worüber man sich Sorgen machen musste. Schließlich packe ich das!

Irgendwie schaffte ich es sogar, am 26. Januar die Druckfreigabe für eine aktuelle Zeitungsproduktion über die Bühne zu bringen, mit meinen Kunden (hoffentlich) nett zu plaudern, trotz meiner Hakelfinger (Plural, denn inzwischen solidarisierte sich der linke Ringfinger mit seinem kleinen Kollegen) Korrekturen korrekt einzutippen und die Zeitung in die Druckerei zu senden.

Am Folgetag, dem 27. Januar, wurde es dann – euphemistisch ausgedrückt – anspruchsvoll. Ich fuhr zu meinen wenige Kilometer entfernten Lagerraum in Taucha, um dort zwei Europaletten einzuladen. Dass ich mich schwer tat, auf der Straße zu bleiben, die Einfahrt zum Lagerhof verpasste und in Taucha falschherum in eine Einbahnstraße brummte, brachte mich nicht zum Aufgeben. Die Europaletten bekam ich nur mit größter Anstrengung und nach wiederholten Anläufen auf die Ladefläche. Anstrengend war auch die Rückfahrt, denn linke Straßenseite kam mir mit konstanter Boshaftigkeit entgegen.

An das Verladen von 800 kg frisch gedruckter Zeitungen erinnere ich mich nur insofern, als dass es wohl stattgefunden haben muss, denn irgendwann war mein „Monster” vollgepackt. Vor allem erinnere ich mich daran, dass meine Frau etwas von „Zeitlupentempo” sagte und dass ich „sooo” am Folgetag auf keinen Fall zur Auslieferung nach Leipzig fahren könne. „Doch, ich muss ja” beharrte ich und machte mich daran, schnell noch die Rechnungen für den Auftrag zu schreiben.

Meine Frau hatte mich inzwischen beim „Dorfarzt” verpetzt und meine Symptome geschildert. Dort gab es die klare Ansage: „Notaufnahme! Mit dem Rettungswagen oder Sie fahren selbst!” Als sie mir diese Order überbrachte, war ich immer noch damit beschäftigt, Rechnungen auszudrucken. Nicht, dass es so viele gewesen wären. Ich war einfach damit überfordert, die Vorlagen zu aktualisieren. Falsches Datum, falsche Rechnungsnummern, falsches Wasauchimmer. Meine Frau stand hinter mir und kochte immer mehr. Irgendwann scheuchte sie mich weg und machte die vier (ja, mehr waren es nicht) Rechnungen fertig.

Meinen Einwand „Aber morgen muss ich fahren” wischte sie mit dem Satz „Das übernehme ich” weg. Dann ging es schnell. Ich griff mir ein hastig zusammengestoppeltes Notfallpaket, das diesen Namen nicht verdiente, zog mich um und stieg zu meiner Frau ins Auto. Die Stimmung war leicht angespannt, denn sie grollte verständlicherweise ob meiner Unvernunft, während ich ihr in meinem umnachteten Zustand die Feinheiten der Anlieferung am Folgetag zu erläutern versuchte. Die Reise durch die Winterlandschaft führte zur Notaufnahme im Wurzener Krankenhaus. Dass ich dort aus eigener Kraft nicht mehr vom Beifahrersitz hochkam, begründete ich mit der tiefen Position und dem Schnee vor der Tür. Ich schwächle doch nicht!

Dann ging alles ganz schnell: Der störrische alte Sack wurde verkabelt, durchgemessen (erster Alarm, weil Blutdruck über 200). Dann Augen zu und beide Arme vorstrecken … nanu, warum ist der linke viel weiter unten als der rechte? Meiner Frau und mir wurde (getrennt) gesagt, dass wir uns nun voneinander verabschieden könnten. Das veranlasste meine Frau, panisch zu werden und mich zu dem Spruch, dass an der Kommunikation noch gearbeitet werden sollte. Verdacht auf Schlaganfall. Ich sollte über Nacht bleiben und wurde erst einmal zum ct gebracht. Auf dem Hinweg noch per (als peinlich empfundenem) Rollstuhl, den Rückweg trat ich befehlsgemäß in der Waagerechten an. Von Übernachtung war mittlerweile keine Rede mehr. Das lag daran, dass ich (fertimachen zum Aufatmen) keinen Schlaganfall hatte, sondern ein subdurales Hämatom. Im Klartext: Rechts hatte sich unter meiner Schädeldecke Blut angesammelt und drückte auf die grauen Masse so sehr, dass diese das nicht gut fand und Spuk machte. Auf die Frage nach einem möglichen Schlag auf den Kopf ulkte ich „häusliche Gewalt”, benannte dann aber korrekt meinen Endgegner: die große Abzugshaube in unserer Küche, an der ich mir regelmäßig mein Köpfchen stoße.

Mittlerweile ins hinten offene Krankenhausnachthemd gekleidet, lungerte ich noch ein Weilche herum, rief meine Frau an und erzähle ihr von Diagnose („halb so schlimm”) und Verlegung, machte kecke Sprüche. wurde wenig später in einen Krankenwagen gerollt und dort ordentlich verzurrt. Alles in allem währte mein Aufenthalt in der Wurzener Notaufnahme rund drei Stunden, nun wurde ich holterdipolter ins Uniklinikum gerumpelt. Ja, angesichts der Schüttelei war es ein Segen, dass ich nicht ernsthaft krank … äh, das war ich ja, aber was soll’s.

Im der Leipziger Uniklinik kam ich auf Station (Neurochirurgie, das klingt schon gruselig), wurde in ein Zimmer gefahren, durfte noch einmal beide Hände vorstrecken und wurde wieder nach der möglichen Ursache meines Kopfleidens befragt. Anschließend die Frage aller Fragen: „Sie haben Anspruch auf Chefarztbehandlung, machen Sie davon Gebrauch?”. Auf meinen Spruch, dass mir das nicht wichtig sei, hieß es: „Gut, dann operieren wir sofort.” Wie viele Einverständnis-, Datenschutz- und Wasauchimmererklärungen ich unterschrieben habe, vermag ich nicht zu sagen. Viele. Irgendwann gegen Mitternacht ging’s auf in den OP, freundliche Menschen sprachen von „leichte Narkose” und „kleines Loch, dann ist das wieder in Ordnung” und meine Lichter gingen aus.

Was raus muss, muss raus.

Im Dunkel des Aufwachraums fuhr mein System langsam wieder hoch. Irgendwas hörte ich, irgendwer zottelte an mir herum oder irgendwie war es nur der Rest eines Narkosetraums, wer weiß. Für meinen Spruch „Ich hau‘ gleich” bat ich den netten Menschen, der mir beim Aufwachen zugesehen hatte, ausdrücklich um Entschuldigung. Rückfahrt ins Zimmer, grelles Licht, eine Schwester instruierte mich, dass ich nicht allein aufs Klo zu gehen hätte, sondern zwingend Hilfe herbeiklingeln sollte. Was ich natürlich ignorierte, als gegen Morgen die Blase drückte. Systemcheck, erstmal mit den Füßen wackeln, aufsetzen, Beine raus, hinstellen. Klappt. Also vorsichtig los und das Drainagebeutelchen nicht vergessen, in dem sich die rötliche Brühe sammelte, die noch aus meinem Kopf kam (Apropos kommen: Der Anschiss fürs eigenmächtige Herumlaufen kam postwendend.).

Ergrauter Kopf mit Wurstnaht.

Am „Tag danach” langweilte ich mich nicht: Mein nach dem Aufwachen vermisster Rucksack (und anderes Gerödel) hatte die Nacht ohne mein Dazutun sicher in einem Schrank verbracht (Herzlichen Dank ans aufmerksame Pflegepersonal). So konnte ich mich bei meiner Frau als zu den Lebenden zurückgekehrt melden. Erleichterung, aber auch Zweifel, ob meine Schilderung, dass nun alles wieder im Lot sei, der Wahrheit entspricht. Visite, Frühstück, Blutdruck, Ibuprofen (die ich ablehnte, bin ja kein Weichei), Thrombosespritze (die ich nicht ablehnen konnte), dann wollten zwei Physiotherapeuten sehen, wie es um meine Fitness steht. Eine ausgedehnte Runde durch die Station, und sie waren sie zufrieden. Ich auch, vor allem deshalb, da ich nicht sonderlich gern mit hinten offenem Nachthemd und schwarzen Halbschuhen unterwegs bin. Am Nachmittag befreite mich ein Arzt von meinem Drainagebeutelchen und nähte gleich noch die Kopfhaut zu Das knarzende Geräusch war schlimmer als das Zwacken). So war ich bereit, Besuch zu empfangen: Meine Frau und die eilends aus Gelsenkirchen angedüste Tochter gaben dem fröhlich dreinschauenden Patienten die Ehre und hatten nützliche Dinge bis hin zu dem beim verwirrten Aufbruch vergessenen Ladegerät fürs Notebook dabei.

Mit dabei: der treue Hund.

An Tag zwei wechselte ich wieder in Zivilsachen; aber erst, nachdem die Stationsschwester eine Veränderung meines Outfits angemahnt hatte. Mit Nachdruck. Wegen des hinten offenen Nachthemds. Eine junge Physiotherapeutin bat mich zum Treppentraining und stellte beim Erreichen der Hubschrauberplattform hörbar atmend fest, dass das mit mir wohl seine Ordnung habe. Ich gönnte mir den Treppenausflug am Nachmittag noch einmal solo und genoß den Blick über die Winterlandschaft. Dumm nur, dass bei jeder meiner Runden vom Keller zum Dach eine andere Anzahl Stufen herauskam. So kann ich nur sagen, dass es irgendwas um die 140 sind. Schön, dass Frau und Tochter mich erneut besuchten. Weniger schön, dass sie komisch guckten, als ich ihnen von meinem Stufenzählproblem berichtete. Immerhin schien ich beide überzeugt zu haben, dass ich vorerst weder einen Treppenlift noch andere Hilfsmittel benötigen würde; meiner Frau und ihrer Hartnäckigkeit sei’s gedankt.

Trotz aller Freundlichkeit der Mitarbeiter hielt es mich an Tag drei nicht mehr in der „Neurochirurgie II”. Bei der morgendlichen Visite zeigte ich mich von meiner allerbesten Seite und erhielt grünes Licht zum Auschecken. Mein noch aus Wurzen stammendes „All-inclusive-Band” blieb zurück. Mit Rucksack und Patiententüte machte ich mich auf den Weg zum Ausgang, bedankte mich zuvor aber noch einmal in aller Form für Bohrloch und Pflege. Nun wartete das gefährlichste Stück auf mich: Der etwa 30 Meter lange Fußmarsch vom Ausgang des Klinikums zum Straßenrand, wo meine Frau auf mich mit dem Auto wartete. Warum gefährlich? Leipzig. Winter. Schneefall. Systemversagen.

Daheim erreichte mich der Anruf einer freundlichen Frau vom Sozialdienst, der ich während meines Klinikaufenthaltes und durch meine schnelle Entlassung unbeabsichtigt entwischt war. Sie offerierte mir die Möglichkeit einer dreiwöchigen Reha, die ich jedoch unter Verweis auf meine vollständige Wiederherstellung dankend ablehnte. Was ich nicht sagte: Dass meine Arbeit auf mich wartete. Vor allem aber, dass ich keine Lust hatte, mich unter die Reha-Patienten mit bleibenden Beeinträchtigungen zu mischen.

Beim heimischen Dorfarzt wurden mir die Fäden gezogen, wobei ich meinen Wortschatz um den schönen Begriff „Wurstnaht” erweiterte. Ich trug einige Tage lang gegen alle Gewohnheit ein Mützchen auf meinem geplagten Haupt, da es erstens noch kalt und zweitens auf meinem Kopf eine kahlgeschorene Stelle zu sehen war. Schnell kehrte wieder Normalität ein. Bei der Abschlussuntersuchung Ende April schüttelte mir der Chef der Neurochirurgie gleich zweimal die Hand: Erstens beglückwünschte er mich zu meiner Frau, die mich in die Notaufnahme geschleppt hatte und mich auch weiterhin unter Kontrolle behält; zweitens zum Abschied als wiederhergestellter Patient.

Und was ist mit den Lehren, die ich zu Beginn dieses nun doch etwas länglich gewordenen Textes in eigener Sache angekündigt hatte?

Erkenntnis Nummer 1: Nicht alle Probleme verschwinden durch Aussitzen bzw. Ignorieren von allein, manchmal muss man etwas tun. Mein Motto „Was von allein kommt, geht auch wieder von allein” hat Grenzen. Leider.

Erkenntnis Nummer 2: Manchmal muss man auf andere Menschen hören und deren Rat und Hilfe annehmen. Wohl dem, der einen solchen Menschen als Partner an seiner Seite weiß.

Erkenntnis Nummer 3: Als notorischer Selbstbehandler und medizinischer Laie mit solidem Halbwissen muss ich eingestehen, dass die Leute in der Notaufnahme in Wurzen und im Uniklinikum Leipzig einen tollen Job machen. Für mich war dieser Krankenhausaufenthalt der erste seit geschätzt 60 Jahren und ich bin ehrlich beeindruckt von dem, was ich dabei erlebt habe. Positiv beeindruckt. Sehr positiv.

Erkenntnis Nummer 4: Im Rückblick ist mit deutlich geworden, dass der eingangs erwähnte schleichende Prozess zwar durch körperliche Ausfallerscheinungen sichtbar wurde, aber zuvor schon mentale Veränderungen ausgelöst hatte. Konzentrationsfähigkeit, Belohungssystem – alles hängt mit allem zusammen. Nach der OP machten nicht nur die Fingerchen wieder ihr gewohntes Ding, auch der erfolgte „Reboot” war zu spüren. Das hatte etwas von einem neu aufgesetzten Betriebssystem, das einfach besser läuft als das alte zuvor.

Erkenntnis Nummer 5: Manchmal hilft eine gehörige Portion Glück, aber nicht immer. Vor allem darf man es nicht über Gebühr beanspruchen. Deshalb trägt die mörderische Abzugshaube in der heimischen Küche seit Anfang Februar weiche Schaumstoffecken.


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Copyright André Dreilich

Verfasst 5. Mai 2026 von admin in category "Aktuelles", "Wunderliches

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