1 Dezember 2020

Blasmusik, schmerzlich gesägt.

Blasmusik ist Geschmacksache. Manchmal tut sie sogar weh. Nein, ich rede jetzt nicht von der getröteten Musik, die ich bei einer Hochzeit in Kairo erleben durfte. Ich rede von einer unfreiwilligen Exkursion in die Welt der Holzblasinstrumente, die mir meine Kreissäge bescherte. Landläufig gilt eine solche ja als Inbegriff der Schrilltonerzeugung und so wäre es durchaus unschicklich, die Stimme einer Frau auch nur entfernt mit dem Klang einer Kreissäge zu vergleichen – selbst dann, wenn dies zuträfe. Doch es geht schlimmer als „Kreissäge pur”. Weiterlesen

22 Juni 2016

Salut von nichtanwesenden Gardisten bei der LVZ. Oder: Lügenpresse reloaded

Vor einigen Jahren erlebte eine Journalistenkollegin ihr berufliches Waterloo. Sie berichtete für ein am Sonntag erscheinendes Anzeigenblatt über ein Volksfest am Kulkwitzer See, das sogenannte Seefest. Diese Party begann samstags und wurde sonntags fortgesetzt.
Alles klar soweit? Nun wurde das besagte Anzeigenblatt aber bereits vor dem Fest gedruckt, um am Sonntagmorgen verteilt zu werden. Die Kollegin war nicht dumm und empfand ihren Bericht einfach vor. Sie las die Ankündigung des Festes und schrieb mit mutigem Vorlauf, wie toll es am Sonnabend gewesen ist oder besser hätte gewesen sein können oder so und schrieb, dass es am heutigen Sonntag (dem Erscheinungstag des Käseblattes) gleich nochmal so toll werden wird.
Der so entstandene Text erschien auf der Titelseite des „Sachsensonntags” und wäre bestenfalls als schönes Beispiel journalistischer Handwerkskunst (ja, auch das Vorempfinden gehört zum Handwerk) in Erinnerung geblieben.
Wäre … wenn nicht ein kleines Detail ins Höschen der Kollegin gegangen wäre: Sie hatte sich um eine Woche vertan, das Seefest, über das sie euphorisch „berichtet” hatte, fand erst eine Woche später statt. Dumm gelaufen.
Das Prädikat „Dumme gelaufen” verdient übrigens auch der heutige Seite-1-Bericht meiner werten Kollegin Simone Prenzel von der Leipziger Volkszeitung, die fürs Muldentalblatt in epischer Breite einen Aufmacher geschrieben hat und darin über den ersten Abiturjahrgang am Freien Gymnasium Borsdorf berichtet, als wäre sie dabeigewesen.
War sie aber nicht (Ich war es und kann ihre Abwesenheit bezeugen). Wäre sie es gewesen, hätte sie sicher ein winziges Detail bemerkt, in dem sich Einladung und Veranstaltung unterscheiden. Hat sie aber nicht, und so dürfen die geneigten LeserInnen der örtlichen Qualitätspresse heute lesen, dass die „Salven der Leipziger Communalgarde lautstark krachten”.
Taten sie aber nicht. Das heißt, sie taten es doch, aber nunmal nicht in Borsdorf, sondern ein paar Kilometer entfernt bei einer anderen Veranstaltung. Ebendiese hatte die Gardisten vom Borsdorfer Salvenkrachenlassen abgehalten. Aber nun steht’s ja in der LVZ, da wird’s schon so gewesen sein, gelle? Die LVZ ist doch keine Lügenpresse nicht.
PS.: Geht sterben, Holzmedien!

16 April 2016

Asylbusiness. Oder: Norddeutsches Cleverle

Kürzlich hatte ich das sehr zweifelhafte Vergnügen, bei einer Kesselgulaschparty ein mir nicht nahestehendes Paar wiederzutreffen, dass ich glücklicherweise seit Jahren nicht gesehen hatte. Die beiden sind Ende 60/Anfang 70 und stammen aus Norddeutschland. Irgendwo nahe Ratzeburg betreiben sie so etwas ähnliches wie eine Jugendherberge. Sollten die Leser meines kleinen, politisch nicht immer korrekten Tagebuches sich nun fragen, was ich mit „so etwas ähnliches” meine, so sei ihnen folgendes verraten: Ich hatte vor mehr als einem Jahrzehnt das recht traumatische Erlebnis eines Aufenthaltes in diesem Etablissement und erlebte ein heruntergekommenes Anwesen mit 60er-Jahre-Flair und einem Berg längst überfälliger Investitionen, hinter dem sich der Großglockner locker verstecken ließe. Für Spätmerker: Mehrbettzimmer mit NVA-Flair, Waschräume mit Gemeinschaftströgen und PVC-Hähnen (natürlich Kaltwasser), eine heruntergekommene Küche mit Ekelgarantie sowie eine wirklich schöne Kümmerlingssonne im Speisesaal. Dazu gab’s Preise auf gehobenem Niveau und Aufschläge für das allerkleinste Extra, das eigentlich eine Selbstverständlichkeit ist. Besagte Herberge dümpelte so vor sich hin und sollte vor zwei, drei Jahren zwecks Altersfinanzierung der Eigentümer verkauft werden. Der Erfolg war sehr überschaubar, der einzige Interessente – ein polnischer Unternehmer, der eine Herberge zum Melken von Saisonarbeitern und anderen armen Schweinen einrichten wollte – ist zuverlässigen Quellen zufolge schreiend weggelaufen, nachdem er die Immobilie gesehen hatte. Andere Quellen berichten auch vom zwischenzeitlich misslungenen Versuch eines warmen Abrisses. Die örtliche Feuerwehr hat das Geschäft wohl platzen lassen, da sie schon eintraf, ehe der bis heute geheimnisvolle Brand eines Nebengebäudes infolge Selbstentzündung aufs Haupthaus übergreifen konnte. Blöde dienstgeile Typen …
Also schien es, als müssten die Herbergseltern ihre Ruine für sich und ihr verrottetes Wohnmobil auch künftig behalten.
Aber wer das glaubt, hat die Rechnung ohne Angela Merkel gemacht … jetzt kam die Flüchtlingskrise und mit ihr das unglückliche „Wir schaffen das” und das ganze weitere Elend.
Langer Rede kurzer Sinn: Das Paar mit der vergammelten Jugendherberge vergaß seine bislang eher leitkulturelle Einstellung und wechselte zügig ins Flüchtlingsbusiness. Die wacklige Hütte ist an den Landkreis vermietet, die Küche nun mit fünf neuen Profiherden ausgestattet und das Haus grundsaniert. Doppelstockbetten? Unzumutbar, weg damit. Dass dabei auch die olle Kümmerlingsonne weichen musste, … scheiß drauf, ist eh haram …
Nun leben zur Freude der Nachbarn nette zugereiste Menschen dort, wo sich kürzlich noch Schüler auf Klassenfahrt ekeln durften und meine Bekannten sind begeistert. Nach Leipzig zur besagten Kesselgulaschparty kamen sie mit einem frischen Wohnmobil, auf dem brandneuen iPhone zeigte der stolze Herbergsvater Videos, auf denen seine ach so lieben Gäste zu sehen waren. Und als ich darüber sprach, dass ich mein betagtes Fahrrad mal wieder in Schuss bringen müsste, wollte er es mir gleich abnehmen, um es an die netten Jungs zu verkaufen, die so gern rumfahren. Mal ehrlich: Lieber hol‘ ich die Flex raus und verarbeite den ollen Drahtesel zu handlichen Stücke.   -ad
12 Oktober 2009

Herz statt HiTech. Oder: undankbare Gedanken nach einem realsatirischen Festmahl

Wenn man zu einem „Feschtle“ – vulgo: kleines Fest – eingeladen wird, ist das schön. Schließlich gibt es Speis’ und Trank und nette Unterhaltung; oder zumindest sollte es das. Dieses Vergnügen erwartete mich am vergangenen Wochenende. Die Voraussetzungen für einen genüsslichen Abend waren eigentlich gut: Die Einlader bewohnen ein Haus der gehobenen Preisklasse in besserer Lage, ausgestattet mit einer Küche der noch gehobeneren Preisklasse samt allerlei oberfeiner Technik und setzen – soviel weiß ich von früheren Anlässen – für ihre „Feschtles“ ausschließlich Zutaten ein, welche einer ebenfalls deutlich gehobenen Kategorie zuzuordnen sind. Weiterlesen