5 Januar 2021

Dreckwetterlächellaufgedanken

Natürlich ist es herrlich, bei blauem Himmel, 22 Grad und einem leichten Lüftchen kurzbehost durch Wald und Flur zu Laufen. Oder bei leichtem Frost, strahlender Sonne und glitzerndem Pulverschnee eine Spur zu treten. Aber auch Sauwetter hat seinen Reiz und bringt mich regelmäßig zum Lächeln. Unglaublich?

Gestern war wieder so ein Lauftag. Früher Nachmittag, also raus aus dem Büro und rauf auf die Piste, die bei mir vor der Haustür beginnt. Die Bedingungen waren eher nicht wirklich einladend: +1 Grad, leichter Wind und ein Hauch von Nieselregen, besser bekannt als „Mückenpisse”. Lange Klamotten, Mützchen und Handschuhe waren die Kleidung meiner Wahl. Nach den ersten Kilometern wechselte das Wetter. Erst Graupel, dann dicke, nasse Schneeflocken, dann wieder Graupel und und den Rest der Runde bei leichtem Gegenwind noch einmal Regen. Ich lief fast ausschließlich Straße, denn meine Brille war nach den ersten hundert Metern „zu”; innen leicht beschlagen und außen regenbetröpfelt. Daran änderte auch gelegentliches Wischen mit einem behandschuhten Finger nichts.

Und doch war es ein herrlicher Lauf. Anfängliche Kühle wich wohliger Wärme, der Laufrhythmus (ich liebe dieses Wort mit zweimal th) wurde mit jedem Kilometer gleichmäßiger, die üblichen Zipperleins machten sich mit dem Wärmerwerden der Muskulatur vom Acker und ich hatte das Gefühl, noch ewig laufen zu können. Als ich nach meiner Nachmittagsrunde wieder im Flur stand, tropfte zwar das Wasser von mir herunter, aber ich fühlte mich toll. Klar, tolles Wetter motiviert und macht gute Laune, aber es gerade diese Dreckwetterläufe geben mentale Stärke und ein saugutes Gefühl. Probiert’s doch mal aus!

Wenn’s gefallen hat … darf hier gern für einen Kaffee oder mehr gespendet werden.

1 Dezember 2020

Blasmusik, schmerzlich gesägt.

Blasmusik ist Geschmacksache. Manchmal tut sie sogar weh. Nein, ich rede jetzt nicht von der getröteten Musik, die ich bei einer Hochzeit in Kairo erleben durfte. Ich rede von einer unfreiwilligen Exkursion in die Welt der Holzblasinstrumente, die mir meine Kreissäge bescherte. Landläufig gilt eine solche ja als Inbegriff der Schrilltonerzeugung und so wäre es durchaus unschicklich, die Stimme einer Frau auch nur entfernt mit dem Klang einer Kreissäge zu vergleichen – selbst dann, wenn dies zuträfe. Doch es geht schlimmer als „Kreissäge pur”. Weiterlesen

22 Juni 2016

Salut von nichtanwesenden Gardisten bei der LVZ. Oder: Lügenpresse reloaded

Vor einigen Jahren erlebte eine Journalistenkollegin ihr berufliches Waterloo. Sie berichtete für ein am Sonntag erscheinendes Anzeigenblatt über ein Volksfest am Kulkwitzer See, das sogenannte Seefest. Diese Party begann samstags und wurde sonntags fortgesetzt.
Alles klar soweit? Nun wurde das besagte Anzeigenblatt aber bereits vor dem Fest gedruckt, um am Sonntagmorgen verteilt zu werden. Die Kollegin war nicht dumm und empfand ihren Bericht einfach vor. Sie las die Ankündigung des Festes und schrieb mit mutigem Vorlauf, wie toll es am Sonnabend gewesen ist oder besser hätte gewesen sein können oder so und schrieb, dass es am heutigen Sonntag (dem Erscheinungstag des Käseblattes) gleich nochmal so toll werden wird.
Der so entstandene Text erschien auf der Titelseite des „Sachsensonntags” und wäre bestenfalls als schönes Beispiel journalistischer Handwerkskunst (ja, auch das Vorempfinden gehört zum Handwerk) in Erinnerung geblieben.
Wäre … wenn nicht ein kleines Detail ins Höschen der Kollegin gegangen wäre: Sie hatte sich um eine Woche vertan, das Seefest, über das sie euphorisch „berichtet” hatte, fand erst eine Woche später statt. Dumm gelaufen.
Das Prädikat „Dumme gelaufen” verdient übrigens auch der heutige Seite-1-Bericht meiner werten Kollegin Simone Prenzel von der Leipziger Volkszeitung, die fürs Muldentalblatt in epischer Breite einen Aufmacher geschrieben hat und darin über den ersten Abiturjahrgang am Freien Gymnasium Borsdorf berichtet, als wäre sie dabeigewesen.
War sie aber nicht (Ich war es und kann ihre Abwesenheit bezeugen). Wäre sie es gewesen, hätte sie sicher ein winziges Detail bemerkt, in dem sich Einladung und Veranstaltung unterscheiden. Hat sie aber nicht, und so dürfen die geneigten LeserInnen der örtlichen Qualitätspresse heute lesen, dass die „Salven der Leipziger Communalgarde lautstark krachten”.
Taten sie aber nicht. Das heißt, sie taten es doch, aber nunmal nicht in Borsdorf, sondern ein paar Kilometer entfernt bei einer anderen Veranstaltung. Ebendiese hatte die Gardisten vom Borsdorfer Salvenkrachenlassen abgehalten. Aber nun steht’s ja in der LVZ, da wird’s schon so gewesen sein, gelle? Die LVZ ist doch keine Lügenpresse nicht.
PS.: Geht sterben, Holzmedien!

16 April 2016

Asylbusiness. Oder: Norddeutsches Cleverle

Kürzlich hatte ich das sehr zweifelhafte Vergnügen, bei einer Kesselgulaschparty ein mir nicht nahestehendes Paar wiederzutreffen, dass ich glücklicherweise seit Jahren nicht gesehen hatte. Die beiden sind Ende 60/Anfang 70 und stammen aus Norddeutschland. Irgendwo nahe Ratzeburg betreiben sie so etwas ähnliches wie eine Jugendherberge. Sollten die Leser meines kleinen, politisch nicht immer korrekten Tagebuches sich nun fragen, was ich mit „so etwas ähnliches” meine, so sei ihnen folgendes verraten: Ich hatte vor mehr als einem Jahrzehnt das recht traumatische Erlebnis eines Aufenthaltes in diesem Etablissement und erlebte ein heruntergekommenes Anwesen mit 60er-Jahre-Flair und einem Berg längst überfälliger Investitionen, hinter dem sich der Großglockner locker verstecken ließe. Für Spätmerker: Mehrbettzimmer mit NVA-Flair, Waschräume mit Gemeinschaftströgen und PVC-Hähnen (natürlich Kaltwasser), eine heruntergekommene Küche mit Ekelgarantie sowie eine wirklich schöne Kümmerlingssonne im Speisesaal. Dazu gab’s Preise auf gehobenem Niveau und Aufschläge für das allerkleinste Extra, das eigentlich eine Selbstverständlichkeit ist. Besagte Herberge dümpelte so vor sich hin und sollte vor zwei, drei Jahren zwecks Altersfinanzierung der Eigentümer verkauft werden. Der Erfolg war sehr überschaubar, der einzige Interessente – ein polnischer Unternehmer, der eine Herberge zum Melken von Saisonarbeitern und anderen armen Schweinen einrichten wollte – ist zuverlässigen Quellen zufolge schreiend weggelaufen, nachdem er die Immobilie gesehen hatte. Andere Quellen berichten auch vom zwischenzeitlich misslungenen Versuch eines warmen Abrisses. Die örtliche Feuerwehr hat das Geschäft wohl platzen lassen, da sie schon eintraf, ehe der bis heute geheimnisvolle Brand eines Nebengebäudes infolge Selbstentzündung aufs Haupthaus übergreifen konnte. Blöde dienstgeile Typen …
Also schien es, als müssten die Herbergseltern ihre Ruine für sich und ihr verrottetes Wohnmobil auch künftig behalten.
Aber wer das glaubt, hat die Rechnung ohne Angela Merkel gemacht … jetzt kam die Flüchtlingskrise und mit ihr das unglückliche „Wir schaffen das” und das ganze weitere Elend.
Langer Rede kurzer Sinn: Das Paar mit der vergammelten Jugendherberge vergaß seine bislang eher leitkulturelle Einstellung und wechselte zügig ins Flüchtlingsbusiness. Die wacklige Hütte ist an den Landkreis vermietet, die Küche nun mit fünf neuen Profiherden ausgestattet und das Haus grundsaniert. Doppelstockbetten? Unzumutbar, weg damit. Dass dabei auch die olle Kümmerlingsonne weichen musste, … scheiß drauf, ist eh haram …
Nun leben zur Freude der Nachbarn nette zugereiste Menschen dort, wo sich kürzlich noch Schüler auf Klassenfahrt ekeln durften und meine Bekannten sind begeistert. Nach Leipzig zur besagten Kesselgulaschparty kamen sie mit einem frischen Wohnmobil, auf dem brandneuen iPhone zeigte der stolze Herbergsvater Videos, auf denen seine ach so lieben Gäste zu sehen waren. Und als ich darüber sprach, dass ich mein betagtes Fahrrad mal wieder in Schuss bringen müsste, wollte er es mir gleich abnehmen, um es an die netten Jungs zu verkaufen, die so gern rumfahren. Mal ehrlich: Lieber hol‘ ich die Flex raus und verarbeite den ollen Drahtesel zu handlichen Stücke.   -ad
25 Mai 2015

Bademoden im Wandel der Zeit. Oder: Früher war mehr sexy.

Die Welt hat ein hübsches Video verlinkt. Nette Sache, nachzuschauen hier. Worum geht es? Der Clip zeigt in 120 Sekunden die Entwicklung der weiblichen Bademode von 1890 bis heute. Richtig hübsch ist, dass keine Uraltflimmerstreifen und heutige Spots kombiniert wurden, sondern dass statt dessen eine relativ nett anzuschauende Weibsperson die wechselnden Badeklamotten hüftschlenkernd zur Schau tänzelt.
Was mir (bekennender Hetero-Kerl) dabei aufgefallen ist: Mehr kann durchaus mehr sein, nämlich mehr Stoff. Mir gefällt die figurbetonte Bademode von 1910 am besten, 1930 ist auch noch ok. Bei Sekunde 57 (1980) ist mir fast eine Schreckpustel gewachsen, da trug die Darstellerin plötzlich einen seitlich hoch ausgeschnittenen Badeanzug, der sie einfach nur scheißfett aussehen ließ. Nur gut, dass es in den 70s mit dem Flowerpowerbikini schon nicht so toll war, sonst hätte mich der Schock umgeworfen oder ich wieder alle Überzeugung das Ufer gewechselt. Brrr. Also mir gefiel die Dame 1910 am besten. Gute, alte Zeit.
An alle empörten Leserinnen meines kleinen, politisch nicht immer korrekten Tagebuches: Ok, die 5 Euro fürs Macho-Schwein spende ich gern …
19 April 2012

Das Glück der geographisch richtigen Geburt. Oder: Warum ich heute mal wieder stolz bin, ein Ossie zu sein.

Zu seiner Herkunft sollte man stehen. Ich bin in der dahingeschiedenen DDR geboren und aufgewachsen. Die geneigten Leser meines kleinen, politisch nicht immer korrekten Tagebuches wissen, dass ich ein Problem mit all den Idioten habe, die ihre gleichfalls vorhandene DDR-Biographie verleugnen. Sowas gibt es sogar in meinem Umfeld … Besonders bescheuert finde ich Menschen, die z.B. in Karl-Marx-Stadt geboren wurden, nun aber darauf bestehen, in Chemnitz (so heißt die Stadt heute wieder) zur Welt gekommen zu sein. Stimmt’s, Frau Wille?
Da lob ich mir meinen Vater: Der legte sich schon zu tiefen DDR-Zeiten mit einem Funktionär an, der ihn zum Polen machen wollte. Mein alter Herr ist nämlich in Schlesien geboren, in jenem Teil, der 1927 zweifelsfrei deutsches Staatsgebiet war. Papa schrieb in ein Formular bei der Frage nach Ort und Staat seiner Geburt folglich Deutschland, während der dusselige Funktionär ihn in der „Volksrepublik Polen”, die damals ebensosehr existierte wie Chemnitz 1980, verorten (endlich bekomme ich dieses blöde Modewort mal unter) wollte. Mit dem lautstark vorgetragenen Empörungsruf „Genosse, Du spinnst, ich bin doch kein Pole” brachte mein alter Herr einen angemessenen Ton die Debatte.
Doch zurück zu meiner Biographie. Ich habe vom Tag meiner Geburt an (welcher übrigens ein Sonntag war) 30 Jahre und ein paar Tage in der DDR verbracht. Und heute war ich wieder mal besonders stolz drauf, ein Ossie zu sein.
Warum? Ganz einfach – guckst Du hier: http://www.welt.de/politik/deutschland/article106201680/Ostdeutsche-sind-groesste-Gott-Zweifler-der-Welt.html
Da wird mir und meinen Landsleuten bescheinigt, die weltweit größten Gottzweifler zu sein. Wenn das kein Grund zum Stolz ist, was dann?
Ich glaube nicht an höhere Wesen, ich gehöre keiner Kinderfickersekte an und ich finde den folgenden Satz von Heinrich Heine ziemlich treffend:
„In dunklen Zeiten wurden die Völker am besten durch die Religion geleitet, wie in stockfinstrer Nacht ein Blinder unser bester Wegweiser ist; er kennt dann Wege und Stege besser als ein Sehender. Es ist aber töricht, sobald es Tag ist, noch immer die alten Blinden als Wegweiser zu gebrauchen.”

(erstmalig veröffentlicht auf https://zeitungsdieb.blogger.de/stories/2044296/ und hierher gerettet)